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  Datum:29.03.2004

 Auf Wegen und Straßen der Alten und Neuen Welt

 

ERNST-  TILLMANN - SAMMLUNG IM DEUTSCHEN SCHUHMUSEUM

 

EUROPAWEIT GRÖSSTE HISTORISCHE SCHUHSAMMLUNG IM DEUTSCHEN SCHUHMUSEUM

 

 

1 800 PAAR SCHUHE UND EINZELSTÜCKE

 

"Zeige mir deinen Schuh, und ich sage dir, wer du bist"

 

Schuhe aus allen Jahrhunderten und Kulturen türmten sich  bis zum Frühjahr  2004 bis unter die Decke im Haus von Ernst Tillmann in Viersen-Süchteln. 51 Mal waren jeweils kleinere Teile zu Ausstellungen  in ganz Europa unterwegs, kehrten aber immer wieder  ins Rheinland zurück. Jetzt kam die europaweit größte Schuh-Kollektion für immer ins Deutsche Schuhmuseum Hauenstein, mit dessen Verantwortlichen der leidenschaftliche Sammler ausgesprochen gute und freundschaftliche Kontakte unterhält: "In Hauenstein weiß ich das Vermächtnis meines Lebenswerkes bei  verlässlichen und guten Freunden für immer bestens aufgehoben" Möglich gemacht wurde  der Erwerb der außergewöhnlich wertvollen Sammlung durch die Kulturstiftung der Sparkasse und den Landkreis Südwestpfalz. "Wir sind Ernst Tillmann, aber auch  Landrat Hans-Jörg Duppré zu großem Dank verpflichtet, dass sie unserem Museum diese großartige Qualitätssteigerung ermöglicht haben, weiß Museumsleiter und Bürgermeister Willi Schächter dieses besondere Mäzenatentum zu schätzen.

 

Von der Römersandale (200 nach Christus) über Schnabelschuhe, einem 25 Pfund schweren Taucherschuh,  Schuhe aus allen Kontinenten  und Jahrhunderten bis hin zu  aufreizenden Lackstiefeln von Lebedamen und   kultigen und trendigen Plateausohlenschuhen der 70er Jahre ist alles zu finden.40 Jahre lang hat der gebürtige Ostpreuße Ernst Tillmann leidenschaftlich alles gesammelt, was die Welt der Schuhe zu bieten hat. "Auf allen Wegen und Straßen der Alten und Neuen Welt" war der "Schuhprofessor" aus Viersen unterwegs, immer "dem Schuh auf der Spur". Nach seinem 80. Geburtstag kam  das grandiose "Schuhpanorama"  mit 1 800 Exemplaren für immer ins Pfälzer Museum im größten Schuhdorf Deutschlands.

 

Es riecht nach Leder, Fetten und vergangenen Zeiten. Ernst Tillmann ist gerade dabei, in mühevoller Kleinarbeit einen Satinstiefel aus dem vorigen Jahrhundert zu reparieren, dessen Stoff an der Ferse ausgefranst ist. "Schuhe sind für mich viel mehr als nur eine notwendige Bekleidung der Füße. Jedes meiner Exemplare hat seine eigene Geschichte zu erzählen", sagt der passionierte Sammler und Restaurator, der einer alteingesessener Schuster- und Schuhhändlerfamilie im ostpreußischen Schippenbeil entstammt..

 

Für den gelernten Schuhmacher, der auch heute noch ein unbändiges  fachliches und historisches Interesse an besonderen Tretern aller Art hat, sind Schuhe exzellente Zeitzeugen und oft, so meint er, brauche man nur den Schuh zu betrachten, um zu sehen, was für ein Mensch darin steckt. Der Schuh ist eine "ganz persönliche Visitenkarte und zugleich  auch "Fußnote der Geschichte".

Ernst Tillmann erklärt uns - pars pro toto- einige seiner "Kinder",  kulturgeschichtliche Zeugen, die mehr sind als nur ,pure Schuhe'

 

Große Qualen

 

Der Schuhliebhaber holt einige chinesische Kinderschuhe aus dem Regal. Hübsch sind sie anzusehen, diese spitz zulaufenden Schühchen, mit dem zierlichen Absatz  und dem feinen buntgemusterten Stoffbezug. Diese sogenannten Gin-Lien-Schuhe (Lotusfuß) haben leider, so graziös und niedlich sie auch aussehen mögen, eine eher traurige Geschichte. Sie sind bis Anfang des 20.Jahrhunderts von Mädchen zwischen vier und sieben Jahren getragen worden. Damit die Füße in den allzu kleinen Schuh passten, wurden die Kinderzehen mit feuchtem Leinen unter die Großzehe gebunden. Je mehr das Leinen trocknete, desto stärker zog es sich zusammen, bis die Zehen gebrochen waren. Der Lotusfuß war eine Modeerscheinung der höheren Kreise in China. "Die untere Schicht konnte sich keine Kinder mit kaputten Füßen leisten, da sie ja arbeiten mussten", erzählt der Rheinländer aus Ostpreußen. Erst 1911 wurde der Kinderschuh verboten.

Nicht nur in China wurde dem Fuß Gewalt angetan, um eine elegante Fußform zu erreichen. "Auch in Europa zwängen die Damen heute noch ihre Füße in zu enges Schuhwerk, natürlich ohne sich dabei die Füße zu brechen", berichtet der  professorale Schuhmacher. Ungesund sei dies aber auch, da der Fuß durch die zu enge Form und den Absatz auf Dauer beschädigt würde, erklärt er und weist auf einen enggeschnittenen Schuh der 70er Jahre hin. Ein unglaublicher Treter!

 

Kitsch am Fuß

 

Tillmann nimmt einen kultigen Schuh in seine geübten Hände. Er  hat eine ungeheuer große goldene Plateausohle mit hohem Keilabsatz, in den, um den Kitsch komplett zu machen, ein großes Herz eingestanzt ist. "Ein recht ausgefallener Absatz", schmunzelt Tillmann. Apropos Absatz: Es gibt ihn längst nicht so lange wie den Schuh. Erst im 17. Jahrhundert ist er erstmals aufgetaucht. Die Sage erzählt, dass ihn ein junges Mädchen erfunden habe, da es vorher immer nur auf die Stirn geküßt worden sei, sich mit dem Absatz aber einen Kuss auf den Mund erhoffte, berichtet Tillmann augenzwinkernd.

Der 80 jährige äußerst vitale und dynamische Schuhspezialist und Schuhmacher weiß  jedoch die wahre Absatz-Geschichte zu berichten: Der Absatz sei für Soldaten gemacht worden, um diese dadurch imposanter gegenüber dem Feind wirken zu lassen. Erst Jahrzehnte später wurde seine vorteilhafte Wirkung für die Frau entdeckt. Heutzutage ist es kein Geheimnis mehr, dass Frauen durch Absätze schlanker aussehen, ihre Schritte eleganter erscheinen und sie dadurch erotisierender auf den Mann wirken.

 

Auf Stelzen

 

Absätze besaßen im 19. Jahrhundert aber auch andere Funktionen, wie ein sogenannter Damen-Dreckschuh von 1840/50 belegt. Dieser Schuh aus Anatolien wurde rundherum mit stelzenartigen Sockeln versehen, damit die Dame des Hauses unbeschmutzten Fußes auf Schusters Rappen durch die Ländereien reisen konnte.

"Schuhe können aber auch Geschichten ganz anderer Art erzählen", so Tillmann und zeigt auf ein Paar schwarze derbe Bundschuhe mit benagelter Sohle. "Bei diesen Schuhen, die in der Hitlerjugend getragen wurden, kann die Geschichte des Nationalsozialismus sozusagen von unten abgelesen werden", so der Schuhhistoriker Tillmann, der zu jedem Paar seiner 1 800 Paar Schuhen, eine eigene Geschichte erzählen kann. Je mehr die  erwähnten Nazi-Schuhe benagelt waren, um so eindrucksvoller klapperte es. Und war es nicht der vorauseilende Klang der metall-beschlagenen Sohlen, die Europa in Angst und Schrecken versetzte ....?

Doch wer auf zu großem Fuße lebte, der muss hinterher den Gürtel enger schnallen. Nach Ende des Krieges bewegte man sich wieder auf leisen Sohlen. Die Not- und Nachkriegsgeneration war gezwungener Maßen auch im Schuhwerk "erfinderisch"

 

Not-Modelle

 

So führte Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard 1948 die "Jedermann - Schuhe" zum Preis von unter 30 Mark ein. Diese aus schlichtem braunen Leder hergestellten Schuhe  wurden von Männern, Frauen und Kindern gleichermaßen getragen. Ernst Tillmann nimmt ein weiteres Paar Schuhe aus dem Regal, die so genannten Notschuhe. "Durch alle Jahrhunderte hindurch  ist es zu verfolgen, dass in Not- und Kriegszeiten auch die Schuhe von ungenügender Qualität sind", weiß Tillmann zu berichten..

Das Hauensteiner Museum besitzt eine umfangreiche Sammlung von Notschuhen. Da gibt es Schuhe mit Holz- oder Pappsohle und als Obermaterial diente schon mal billiges Plastik (Capamaterial) oder auch alte Stoffreste, die zu Riemen zusammengeflochten wurden. "Hochwertiges Leder konnten sich die Leute in schlechten Zeiten einfach nicht leisten. Am Schuh musste gespart werden". Glücklich waren, was Schuhe anbelangt, jedoch die Menschen in den pfälzischen Schuhregionen." Bei aller Not konnten sie ab und an  einigermaßen gutes Schuhwerk  gegen Korn und Speck eintauschen", ergänzt Museumsleiter und Bürgermeister Willi Schächter. In den Nachkriegsjahren seien Schuhe eine außerordentlich gute "Währung" gewesen, ein Aspekt, der im Hauensteiner Museum ebenfalls deutlich wird.

 

Familientradition

 

Das Thema Schuhe begleitet Ernst Tillmann sein ganzes Leben. "Mir wurden die Schuhe quasi in die Wiege gelegt", erzählt er.

Sein Großvater  hatte bereits seit 1880 ein Schuhgeschäft in Schippenbeil (Ostpreußen), das später von seinen Eltern übernommen wurde. Als er alt genug war, lag es nahe, daß auch der Sohn eine Ausbildung als Schuhkaufmann absolvierte - und zwar in dem mit 66 Angestellten größten Schuhgeschäft in Elbing (Westpreußen), "in dem lange nicht jeder lernen durfte". Nach Krieg und russischer Gefangenschaft widmete sich der Schuhliebhaber nun auch dem Schuhhandwerk und machte eine Ausbildung als Schuhmacher. 1958 wurde er außerdem noch öffentlich bestellter und vereidigter Schuhsachverständiger beim Gericht. "Ich kann mich auch jetzt noch nicht ganz zur Ruhe setzen", lässt er die  Hauensteiner Verantwortlichen wissen. Und wer Ernst Tillmann kennt, der weiß, dass der junggebliebene Achtziger noch weiter sammelt und sammelt und sammelt.....

 

 

Ab 2. April 2004:

 

ERNST - TILLMANN - SAMMLUNG IM DEUTSCHEN SCHUHMUSEUM

 

EINE LEKTION KULTURGESCHICHTE MIT ERNST TILLMANN:

DER BEKANNTESTE EUROPÄISCHE SAMMLER HAUCHT SEINEN PRETIOSEN IM HAUENSTEINER SCHUMUSEUM LEBEN EIN

 

 

Sein Lebenswerk bleibt jetzt für immer  im Deutschen Schuhmuseum im pfälzischen Hauenstein erhalten. Rund 1  800 Paar Schuhe  aus allen Zeiten und aller Welt sind ab dem 2. April 2004 im renommierten Hauensteiner Fachmuseum zu bewundern. Wenn Erst Tillmann (80)  von "seinen Kindern" spricht, ist dies zugleich auch eine äußerst  anschauliche Lehrstunde der Kulturgeschichte des Schuhs im Wandel der Zeiten.

 

Die Kulturgeschichte des Schuhs - so der vitale Schuhspezialist aus Viersen -  war in allen Epochen, seit der Mensch dieses "Utensilium aus Leder" sich dienstbar gemacht hat, ein  spannendes Unterfangen: Der Schuh ist philosophisch gesehen ein Phänomen, das ihn mit der Erde verbindet und ihn doch  eigenartigerweise auch trennt, und dies nicht nur im eigentlichen Sinne. Seit der frühe Mensch begonnen hat, die Natur zu kultivieren und zu "veredeln", schützte er seine Füße nicht nur vor allerlei Gefahren, sondern zeigte insbesondere auch, je mehr die kulturelle Entwicklung fortschritt, "wer er ist": Der Schuh als Spiegelbild des kulturellen Selbstbewusstseins. Dies ist bis auf den heutigen Tag auch so geblieben.

 

Das Standesgemäße schlug sich  in früheren Jahrhunderten gerne auch in unpraktischen Ausführungen nieder. Beispiele? -  Die vermutlich von Kreuzrittern nach Europa gebrachten Schnabelschuhe wurden in spätgotischer Zeit so lang, dass sie, um überhaupt ein Gehen zu ermöglichen und die kostbare Spitze vor Schmutz zu schützen, "halbmondartig aufwärts gebogen oder die Spitze mit Schnüren und Kettchen an der Ristlasche oder über den Waden befestigt werden musste". Dem häufig mit einem schützenden Holzpantoffel kombinierten Schnabelschuh folgte mit dem überbreiten, oft mit einer Spange zum besseren Halt getragenen "Kuhmaulschuh" die nächste Übertreibung. Um 1500 trug die elegante Venezianerin Chopinen  überhohe Stelzschuhe, deren Herkunft ebenfalls im Orient lag. Die schicken Treter engten die Bewegungsfreiheit der Trägerin deutlich ein. Während die Obrigkeit gegen Exzesse einzuschreiten versuchte, fand die Kirche ausnahmsweise in dieser Fußbekleidung etwas Positives: Sie mindere in der Laufbehinderung ihrer Trägerin die Gelegenheit zur Sünde. Die Damen des Rokoko konnten da nicht zurückstehen. In ihren prachtvollen Schuhen mit überhohen Absätzen wurden die Fersen so hochgestellt, dass die Zehen in der engen Spitze zusammengepresst wurden. Freilich diente der spitze und enge Schuh des Rokoko nicht allein dem Ideal des zierlichen Frauenfußes, er war ein erotisches Symbol. Doch müssen wir nicht weit zurückblicken. Mit dem Plateausohlenschuh der 1970er Jahre ließ sich der eigene Auftritt wirkungsvoll inszenieren. "Der Schuh verleiht einen erhöhten Standpunkt, der einerseits Überlegenheit, aber auch  in gleicher Weise Standfestigkeit assoziiert."

Nicht immer unterwarfen sich Frauen gängiger Mode freiwillig. Ernst Tillmann holt aus einem Regal einen spitz zulaufenden, mit bunt gemustertem Stoff bezogenen Kinderstiefel, den Gin-Lien-Schuh oder Lotusschuh. Hinter dem poetischen Namen verbergen sich große Qualen. Bei vier- bis siebenjährigen Mädchen band man die Zehen mit feuchtem Leinen unter die Großzehe. Je trockener der Stoff wurde, desto enger zog er sich zusammen, bis die Zehen manchmal gebrochen waren. Fast tausend Jahre lang, bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts galt in China in höheren Kreisen (und später in weiteren Schichten) der verkrüppelte Frauenfuß als Schönheitsideal mit erotischer Ausstrahlung. "Die unteren Schichten konnten sich keine Kinder mit kaputten Füßen leisten", sagt Ernst Tillmann, "die mussten arbeiten". Mit dem Ende des Kaiserreichs 1911 wurde der "Lotusfuß" verboten. Schmerzen für  eine elegante Schuhform auszustehen, ist jedoch keine asiatische Eigenheit.....

 

 Noch heute quälen sich Frauen der Mode halber in viel zu enges Schuhwerk, der Sammler verweist auf einen enggeschnittenen Schuh mit hohem Absatz aus den 60er-Jahren und schüttelt den Kopf ob solch "unglaublicher Treter. Der  gebürtige Ostpreuße Ernst Tillmann, der seit knapp 50 Jahren leidenschaftlich Schuhe aus aller Welt sammelt, "doziert" seine Schuhe und liebt sie wie "seine Kinder". Und der Absatz? -  Den gibt es noch gar nicht so lange, fährt der "Schuhpapst" seine sozialgeschichtliche Lehrstunde  vor den meisterlich inszenierten Regalen im Deutschen Schuhmuseum fort. Erst im 17. Jahrhundert bildet er sich heraus, und die Legende macht ein Mädchen dafür verantwortlich. Da es zuvor immer nur auf die Stirn geküsst worden war, erhoffte es sich mit dem Absatz endlich einen Kuss auf den Mund. Ernst Tillmann erzählt das mit einem Schmunzeln, denn er weiß es natürlich besser: Zunächst gab der aus dem Orient übernommene Absatz dem Reiterstiefel einen besseren Halt im Steigbügel. Und dann - ganz barockes Verständnis für Würde und Gravität - machte den Absatz eines Soldaten und eines Mannes schlichtweg imposanter. Es dauerte nicht allzu lange, bis die Frauen die vorteilhafte Ausstrahlung des Absatzes erkannten. Absätze lassen Frauen schlanker erscheinen, ihre Schritte wirken eleganter und üben einen - jetzt haben wir den Punkt - erotisierenden Einfluss auf den Mann aus.

Mit der französischen Revolution verschwindet der Absatzschuh. Adel und Bürgertum tragen jetzt flache Schuhe in elegant schlichter Ausführung. In napoleonischer Zeit kommt der Escarpin in Mode, ein flacher Tanzschuh mit Blattstickerei und Fesselbändern. "Vom französischen Hof haben das nach und nach die anderen europäischen Höfe übernommen", erklärt uns der Sammler anhand eines Exemplars von 1804. Im Biedermeier wird um 1830 die elegante und absatzlose Stiefelette neuester Schrei. Schmale Halbstiefel mit flachem Absatz prägen dann die Damenmode bis 1900. Dabei wird die zunächst übliche seitliche Schnürung durch Knöpfung und Elastikzug abgelöst. Errungenschaften, die sich die Schuhfabriken zunutze machen. Obwohl Fabrikschuhe am Anfang als minderwertig angesehen wurden, leitete die zunehmende Industrialisierung das Ende des traditionellen Schuhmacherhandwerks ein, bedauert  der gelernte Schuhmacher, dessen Großvater schon 1880 beste Maßschuhe in seiner Heimat Schippenbeil herstellte. Als sich liberale Ansichten durchsetzten und in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die Röcke kürzer werden durften, rückten die Beine der Frauen und mit ihnen die Schuhe stärker ins Blickfeld. Die Stiefelette musste dem Halbschuh Platz machen, der Pumps wurde - besonders nach dem Ersten Weltkrieg - in unzähligen Varianten der beliebteste Frauenschuh. Im New Look der späten 40er- und 50er-Jahre feierte dieser Schuhtypus bevorzugt einfarbig seine weiteste Verbreitung. Während bei den Damenschuhen die Möglichkeiten phantasievoll und kreativ ausgeschöpft wurden, blieben Herrenschuhe seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert in "seriösem" Schwarz, der dominierenden Farbe bis heute. Der gefeierte Londoner Modeheld und Urtyp aller Dandys, Beau Brummel (1778 - 1840), "erfand" den gepflegten Gentleman-Stil mit elegantem Anzug und Bottine, einem Halbstiefel als Schnür- und späterem Knopfstiefel. Der geschnürte schwarze Halbschuh entwickelte sich im 19. Jahrhundert zum Klassiker und wurde lediglich an seiner Spitze variiert. Ab 1930 hatte sich der Halbschuh endgültig durchgesetzt, es dauerte aber bis in die 60er-Jahre, ehe die Freizeitmode neue und farbige Akzente setzte. Die umfangreichste Gruppe ist heute die "Turnschuh-Generation". Ob  jedoch Joschka Fischer, von dem das  Hauensteiner Museum ein Exemplar dieses Genres in seiner Prominentensammlung aufbewahrt,    den "Turnschuh" als standesgemäße Schuhbekleidung  damals bei seiner  Vereidigung als hessischer Umweltminister aufwerten konnte, mag der eher konservative Ernst Tillmann mehr als bezweifeln. Das sei eher geschmacklos gewesen, räsoniert der junge Achtziger in seiner großen Achtung vor dem Kulturgut "Schuh" .

 

Der Stiefel

 

Am Anfang war der Stiefel männlich. Ein Symbol von Stärke und Eroberung. Er gestattete auch körperlich kleineren Größen ein imposantes Auftreten, etwa Kaiser Napoleon oder seinem britischen Widersacher Admiral Nelson. Selbst im Märchen erhält der Kater durch ein Paar Stiefel Macht und menschliches Erscheinungsbild. Ihren Anfang nahm die Stiefelmode mit den Landsknechten und Musketieren des Dreißigjährigen Krieges . Und als in einer Mischung aus Hof- und Kriegskleidung (Schlapphut, Spitzen, übergroße Stiefel) die modischen Herren gespornt und gestiefelt waren, eilten sie weniger aufs Schlachtfeld als zu amourösen Eroberungen. Dieser klassische Fall von Imponiergehabe und "overdressing" ging so weit, dass die überdimensionalen Stiefelschäfte bei Regen ans Bein gebunden werden mussten, damit ihre Träger nicht unter Wasser gesetzt wurde.

Frauen gehobener Stände trugen bis ins 19. Jahrhundert hinein nur Samt-, Seiden- und feine Lederschuhe. Einzig Reitstiefel waren erlaubt. Wenn man die Zustände damaliger Straßen berücksichtigt, liegt man nicht falsch mit der Feststellung, dass Damen vorwiegend "ans Haus gefesselt" waren. Mit der Stiefelette, den ersten geknüpften oder geschnürten Frauenstiefeln, gelang dem weiblichen Geschlecht eine Art Befreiungsschlag, und durch die  maschinelle Fertigung und die "Entdeckung" des Stiefels als Modeobjekt am Ende des Jahrhundert wurde er für fast alle erschwinglich. Mit dem Eroberungs- oder Locksymbol der schwarzen Lackstiefel der Damen des leichten Gewerbes hat sich die Geschichte des Stiefels dann völlig umgedreht. Aber das ist ein anderes Kapitel,  das in der Kollektion durch ein samtig schimmerndes, rund dreißig Jahre altes Paar dokumentiert wird.

Greifen wir einige  weitere Exemplare aus der Ernst-Tillmann-Sammlung im Deutschen Schuhmuseum heraus: Ein Paar hüfthohe Fischerstiefel aus Hameln vom Ende des 19. Jahrhunderts, mit Riemen, Haltern und sorgfältig mit eingenähten Biesen versehen, schützte vor nassen Füßen. "Vorne hat man zwischen Oberleder und Futterleder eine Schweinsblase verwendet, die Leute wussten sich schon zu helfen", meint Ernst Tillmann anerkennend. Aus Südafrika kamen Stiefel, die ein englischer Offizier getragen hatte.  Eine Rarität sind Krokostiefel aus Mali, die ihm eine Französin übergab - Ernst Tillmann hat  seither kein zweites Paar dieser Art gesehen. Teuer waren mexikanische Cowboy-Stiefel, bei denen Blatt und Quartier (Rückteil des Stiefels) mit Wasserschildkröt - Leder verarbeitet war. Ernst Tillmann erwarb sie auf einer Düsseldorfer Schuh-Messe, "direkt bei Herrn Romero, dem Hersteller". -  "Können Sie sich vorstellen, was das ist?", werden wir anschließend getestet. Hm, irgendwas mit Pferd? Richtig. Es ist ein Steigbügelschuh von 1629. Die Berittenen waren an den Füßen besonders verwundbar, deshalb wurden zu ihrer Sicherung entsprechende Eisenbehälter gefertigt. Neben deutschen Moorschuhe und - stiefeln besitzt die Hauensteiner Sammlung auch Moorstiefel aus Frankreich. "Ich habe sie vierzig Stunden ins Wasser gelegt, um sie aufzuweichen. Es gelang jedoch nur bei einem schmalen, etwa sechs Zentimeter breiten Streifen im oberen Teil. Ein Fachmann hat mich aufgeklärt. Der Schaft wurde durch die Huminsäure des Moores ein zweites Mal gegerbt, deshalb wurden sie so hart". Auf seine Moorschuhe ist der Sammler stolz. "Ich habe mehr Exemplare als das Moormuseum in Neustadt am Rübenberge, die jetzt alle im Hauensteiner Museum zu bewundern sind".

 

Notschuhe

 

Schuhe sind auch Spiegelbilder von Notzeiten, doziert  Ernst Tillmann angesichts einer beachtlichen Menge von "Notschuhen" in der Hauensteiner Sammlung, die für immer seinen Namen tragen wird. Eine nicht unbedeutende Anzahl von Exponaten ist Schuhen gewidmet, die in Kriegs und Notkriegszeiten entstanden sind, viele davon auch in Hauenstein und Pirmasens. Mangelzeiten machen erfinderisch. Der Fachmann Ernst Tillmann ist beeindruckt, mit welcher Phantasie und Kreativität Menschen gerade  in Notzeiten aus allen möglichen Materialien Schuhe herstellen und zwar in ästhetisch ansprechender und auf kunstvoll zusammengestellte Weise. "Das hier sind Ur-Opanken", erläutert er ein sandalenartiges Paar vom Balkan. "Das ist kein Leder, das ist rohe Haut. Den Leuten ging es so schlecht, dass kein Geld für das Gerben vorhanden war und sie die rohe Haut der Tiere verarbeitet haben". Sein ältestes Stück in dieser Abteilung stammt von 1917 und entstand in Paris. "Ein ganz toller Schuh", begeistert sich der Sammler angesichts eines ganz besonderen Notschuhs in seiner Hauensteiner Sammlung, "unten trägt er eine Holzsohle, das Oberteil besteht aus Pappe. Und trotzdem zeigt sich eine gewisse Eleganz". Ein finnischer Schuh aus dem Zweiten Weltkrieg besteht aus Papier, im waldreichen Finnland war an Zellulose kein Mangel. Eine Sandale hatte sich ein deutscher Hauptmann in russischer Gefangenschaft aus einer Zeltplane gefertigt. "Ich habe sie in Hannover auf einem Flohmarkt ergattert". Bei einem anderen Schuh lösten sich die Sohlen, doch da während des Krieges kein Klebstoff aufzutreiben war, hat der Besitzer die Sohlen mit Draht an den Schuhen befestigt. Als es schließlich an allem fehlte, wurden Schuhe in Tüten statt Karton ausgeliefert. Schuhe entstanden für Kriegsgefangene in Stoff mit Leder, selbst die Schuhe der Hitlerjugend erhielten eine Sohle aus PVC. Kunstfertig wurde eine Herrensandale mit einer Sohle aus Autoreifen gefertigt. In Wuppertal wurde das Ersatzmaterial Capama entwickelt, da ein Weichmacher fehlte, konnten nur Sandaletten daraus hergestellt werden. "Das Material hat man mit Lederabfällen verarbeitet, um es nutzen zu können". Dann fragt uns Ernst Tillmann nach Jedermann - Schuhen. Der Begriff ist uns unbekannt. "Diese Schuhe gehen auf eine Verordnung von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard zurück". Sie mussten vollständig aus Leder sein. Kinderschuhe durften nicht mehr als 19,50 Mark kosten, Erwachsenenpaare nur 29,50 Mark. Vorne war das bekannte geschwungene Eisenstück aufgenagelt, die Schuhe sollten ja lange halten. Der Vater des deutschen Wirtschaftswunders Ludwig Erhard hat das Problem des Schuhmangels für seine Zeit gut gelöst, das war 1949". Sozialgeschichte spiegelt sich  also auch in der Schuhgeschichte, wie die Hauensteiner Sammlung "auf Schritt und Tritt" beweisen kann..

 

Schuhe sammeln

 

Der professionelle Spurensucher Ernst Tillmann wurde fündig auf der ganzen Welt auf Flohmärkten und Dachböden ebenso wie in Antiquitätenläden, überall war er dem Schuh "auf der Spur", fast fünfzig Jahre lang, leidenschaftlich, kompetent und mit dem Auge und dem  Riecher des passionierten Sammlers .  " Im vergangenen Jahrzehnt wurden alte Schuhe vermehrt  auch auf Auktionen angeboten", erklärt der Sammler und zeigt sogenannte Sarouchischuhe, die von den Evzonen, Mitgliedern der königlichen Garde Athen, getragen wurden. Einen beträchtlichen Teil der Kollektion erwarb Ernst Tillmann auf Reisen. Sammeln und Reisen, das gehört bei ihm zusammen. Und daraus ergeben sich wieder Geschichten.Eine mit den Schuhen aus Birkenringe (Finnland, um 1850), von denen ein Museumsmann in Helsinki meinte, dass man kein zweites Paar  mehr fände. Kein Grund für den Sammler aufzugeben. Auf dem Wochenmarkt in Kuopio entdeckte er "sein" Paar. Bereits in St. Petersburg waren 150 Jahre alte Schuhe aus Lindenholzstreifen in die Sammlung gekommen. Im wärmeren Süden erwies sich besonders Tunesien als erfolgversprechende Region. Exotisches Schuhwerk aus Afrika und Asien gehört zum optisch Auffälligsten in der Sammlung. Und zum wertvollsten: Eine Holzstelzsandale aus der Türkei mit echten Türkisen und Glöckchen; eine Silber-Pantolette aus Afghanistan mit 750 Gramm verarbeitetem reinem Sterling Silber oder ein Schuh aus dem Iran (1850) mit Perlstickerei. An der Höhe der Stelze - Ernst Tillmann zeigt Exemplare von 1780 und 1830 aus der Mandschurei - ließ sich auch der gesellschaftliche Rang der Trägerin ablesen. Geschenke gab es  übrigens auch und dies  nicht zu selten. Dem bekannten Schuhexperten vertrauten wohlwollende - auch völlig fremde - Menschen ihre alten Stücke an, die oft schon von den Großeltern stammen. Sie wussten, dass Schuhe bei Ernst Tillmann in guten Händen sind und in der Sammlung ihren Wert er- und behalten als Dokumente ihrer Zeit.Wenn der passionierte Schuhliebhaber über seine Sammlung spricht, erfährt der Zuhörer einiges über die Technik. Das beginnt bereits beim ältesten Objekt, einer Römersandale. Die ist nämlich für den rechten Fuß gemacht. Bereits die Hethiter unterschieden 1200 Jahre zuvor nach rechts und links. Nach dem Ende des Römischen Reiches verlor sich diese Praxis, es war wohl auch einfacher, einballige Schuhe - ohne nach links und rechts zu unterscheiden - herzustellen. Noch im deutsch-dänischen Krieg von 1864 waren deutsche Soldaten mit einem dritten einballigen Stiefel ausgerüstet, so dass sie einen Verlust jederzeit ausgleichen konnten.An anderen Exemplaren wird der Experte konkret; "Das sind gewendet genähte Schuhe, d.h. die Schuhe wurden wie ein Kleid auf der linken Seite gearbeitet und mit der angenähten Sohle eingelegt, um Stabilität zu erzielen. So arbeitete man bis in die 1920er-Jahre. 1911 hatte ein Dr. Rapiccini Kollodiumwolle aufgelöst und begonnen, Sohlen zu kleben. Aber in Italien brachte ihm das keinen Erfolg. Er baute bei Leipzig eine Fabrik auf, die AGO Klebstoff-Fabrik. AGO bedeutete Another Great Opportunity, eine andere große Gelegenheit, und die hat er hier in Deutschland auch gefunden".Ernst Tillmann wird nicht müde: Seine Regenschuhe aus durchsichtigem Plastik, die Schuhe zum Austreten von Esskastanien, die Damenschuhe mit Reißverschluss an der Ferse, die kanadischen Kinder-Indianerschuhe, die Babouch-Pantoffel aus Tunesien und...und    und...   Wir haben nicht zu viel versprochen: Eine lehrreiche  und mit überschäumendem Wissen garnierte Lektion des wohl bedeutendsten zeitgenössischen Schuhsammlers. Sein Lebenswerk ist  jetzt - wie bereits berichtet -  - ein außerordentlich wertvolles   Schuhjuwel und ganz besonderes Aushängeschild des renommierten Schuhmuseums in der Pfalz.

 

 

AUF WEGEN UND STRASSEN DER ALTEN UN NEUEN WELT

 

 

Ernst Tillmann: "Ich bin mit Schuhen auf die Welt gekommen".

Die große Sammlung mit 1 800 Paar jetzt im Deutschen Schuhmuseum Hauenstein

 

Fünf Paar haben die meisten, wer viel Wert auf sein Äußeres legt, stellt sich vielleicht auch zwanzig Paar in den Schrank, wer fünfzig Paar besitzt, ist wohl schon ein Schuhfreak: Nicht fünf, nicht zwanzig und nicht fünfzig, nein: 1700 Paar Schuhe nennt Ernst Tillmann aus Viersen sein eigen. Er hat im Laufe von mehr als vier Jahrzehnten die wohl spektakulärste private Schuhsammlung der Welt zusammengetragen. Zu seinem 80. Geburtstag hat er sich entschieden, die Sammlung in gute Hände zu geben: Ab 02. April  2004 sind sie besondere Exponat - Juwele  im Deutschen Schuhmuseum im südwestpfälzischen Hauenstein Viele hätten sich um die Sammlung bemüht, das Rennen machten schließlich die Pfälzer. Denn: "Wir sind in den letzten Jahren echte Freunde geworden", sagt der agile Jung-Achtziger. "Ich weiß, dass mein Vermächtnis hier am besten aufgehoben sein wird." Es sind Schuhe aus fast zweitausend Jahren, Schuhe aus vielen Kulturen dieser Welt. Zu jedem Schuh weiß Ernst Tillmann, der von sich sagt, dass ihm als Sohn eines Schuhhändlers aus dem ostpreußischen Schippenbeil "die Schuhe quasi in die Wiege gelegt wurden", Geschichte und Geschichten.

 

Das älteste Stück der außergewöhnlichen Sammlung ist eine Römer-Sandale aus dem 2. Jahrhundert. "Drei Jahre habe ich darum gekämpft", erzählt er. Die Sandale war in den dreißiger Jahren in Mainz gefunden worden, war in Privatbesitz, ehe sie Ernst Tillmann in Xanten erwerben konnte. Stolz ist er auch auf einen Brautschuh aus Afghanistan, aus 750 Gramm reinem Stirlingsilber gefertigt und von Generation zu Generation weiter gegeben.

 

Und es sind weitere spektakuläre Exemplare dabei: Die Stelzsandale aus der Türkei beispielsweise, reich verziert und mit Glöckchen, die dem Ehemann anzeigten, wo sich seine Frau gerade befand, oder ein 25 Pfund schwerer Taucherschuh mit Bleigewichten, und als Gegensatz dazu ein zarter Damenschuh aus der Zeit um 1830 mit nur 98 Gramm. Es sind Schuhe aus Pappe dabei, aus Birkenrinde, aus Holz oder Gummi aus Zeiten, in denen Leder rar war. Und die Tillmann-Sammlung zeigt, welchen modischen Strömungen der Schuh unterlegen war - und so wird die Sammlung auch zu einem Stück Kulturgeschichte.

 

Seiner Schuhe wegen hat Tillmann weite Teile der Erde bereist, manchmal viel Geld in das Objekt der Sammelbegierde investiert, manchmal auch einfach getauscht, wie jene Indianerschuhe, die er aus Kanada mitbrachte. Insgesamt 52 Mal wurde seine Sammlung bei Ausstellungen präsentiert, u.a. auch in Polen, Frankreich, den Niederlanden und in Belgien. Jetzt also bekommt sie ihre feste Bleibe: Im Deutschen Schuhmuseums in Hauenstein wird derzeit alles vorbereitet, um die Sammlung Tillmann aufzunehmen.

 

"Wir Hauensteiner sind stolz, dass wir die einzigartige Sammlung künftig zeigen dürfen", drückt  Ortsbürgermeister und Museumsleiter Willi Schächter  sichtbar seine Freude aus. Er erwartet, dass "die Ernst-Tillmann-Sammlung dem Deutschen Schuhmuseum noch mehr positive Impulse und eine neue Qualität geben werden". Sehr zufrieden und dankbar ist er auch über die Form der Finanzierung. Denn: Erworben hat die Tillmann-Sammlung der Landkreis Südwestpfalz, dem die Kulturstiftung der Sparkasse das Sponsoring großzügig finanzierte. Der Kreis nun wird, wie Landrat Hans-Jörg Duppré mitteilte, die Sammlung dem Hauensteiner Museum als Dauerleihgabe weitergeben. "Schuhe haben die Geschichte und die Gegenwart unserer Region geprägt, haben über Generationen das Leben und Arbeiten der Menschen hier bestimmt", stellt der Landrat fest. Die Sammlung werte das Hauensteiner Museum weiter auf und trage dazu bei, den Ruf Hauensteins als Schuhdorf, als Ort der Schuhproduktion und des Schuhverkaufs weiter zu festigen. 

 

 

 

ERNST -  TILLMANN -  SAMMLUNG IM DEUTSCHEN SCHUHMUSEUM HAUENSTEIN

 

 SCHUHE SIND SPIEGELBILDER DER KULTURGESCHICHTE

GRÖSSTE PRIVATSAMMLUNG EUROPAS JETZT IN HAUENSTEIN

 

 

"Schuhe sind mein Leben", eine kurze aber treffende Bilanz eines reichen Sammlerlebens. Ernst Tillmann aus Viersen hat sich mit 80 Jahren jetzt von der europaweit größten privaten Schuhsammlung getrennt und sein Lebenswerk mit rund 1 800 Paar  historischen Schuhen und Einzelstücken dem Deutschen Schuhmuseum Hauenstein übergeben. "In Hauenstein ist mein Vermächtnis am besten aufbewahrt und in guten Händen, dort habe ich kompetente und verlässliche Freunde gefunden, die es verdienen, meine Sammlung für immer zu präsentieren" ist sich der gebürtige Ostpreuße  sicher  und zuversichtlich, dass seine Sammlung im größten deutschen Schuhdorf auch einen Beitrag zur kulturgeschichtlichen Bedeutung des Schuhs liefern wird. "Dieses Vertrauen ist uns bleibende Verpflichtung, das Lebenswerk von Ernst Tillmann in Ehren zu halten", ist sich Museumsleiter und Bürgermeister Willi Schächter dieser musealen Ehre bewusst und dankt zugleich auch Landrat Hans-Jörg Duppré und der Kulturstiftung der Sparkasse Südwestpfalz für das großzügige Sponsoring .

 

Wenn man die möglicherweise weltweit größte Schuh-Privatsammlung in ihrer kulturellen und historischen Bedeutung hinterfragt, dann ist jedes Paar dieses Schuh - Eldorados, die in ihrer Gesamtheit trotz des großen Museums  in ihrer Fülle nicht  vollständig präsentiert werden können, ein Spiegelbild  einer kulturgeschichtlichen Entwicklung. "An Form und Gestaltung der Fußbekleidung lassen sich  nämlich soziales und kulturelles Selbstverständnis der Menschen in verschiedenen Zeiten und Ländern ablesen", stellt der weltweit angesehene Schuhsammler Ernst Tillmann  in der ihm eigenen Überzeugung fest..

 

Als die Menschheit sich aus einem wilden Zustand zu einem Grad höherer Kultur erhob, doziert der 8o jährige Schuhprofessor,  machte der primitive "Fußschutz"  des Höhlenmenschen bei den Assyrern und Ägyptern der Sandale aus Papier Platz. Luxus begann die Welt zu beherrschen. Purpur färbte die Sandalen der Könige, und Kaiser Heliogabal schmückte die Riemen seiner Schuhe mit kostbaren Steinen. Männer und Frauen der Alten Welt schützten ihren Fuß gegen die Rauheit des Bodens nur durch Tierfelle, die durch kunstvoll verschlungene Bänder bis über die Fußgelenke hinauf befestigt wurden. Bei den späteren Sandalen, die sich daraus entwickelten, blieb der Fuß selbst frei und wurde mit gleicher Sorgfalt wie die Hand kosmetisch behandelt und gepflegt.

 

Der Schuh im Altertum

 

Im späteren Altertum verschönten Schnallen und Goldschließen den geschlossenen Schuh, der als Ausdruck vornehmer Lebensart galt. Wertvoller Schmuck zierte die Schuhe der Könige und reichen Leute:

Die Karthagerin Salambo soll Sandalen getragen haben, "die unter einem Haufen von Smaragden verschwanden". Kleopatra, die ägyptische Königin, bevorzugte die "tatbebs" aus weißem Leder, mit goldenen Skarabäengemmen besetzt. Vor Eintritt in eine fremde Wohnung wechselten vornehme Frauen ihre Fußbekleidung; allein aus diesem Grund ließen sie sich von ihren Dienerinnen stets Sandalen in vergoldeten Futteralen nachtragen.

Kostbare, goldbestickte Stoffe schmückten die Schuhe im alten Byzanz, und unter den Merowingern war schwarzes Maroquinleder ein kostbarer Mode- und Luxusgegenstand

 

Das Mittelalter - Vom "Schnabelschuh" zum "Kuhmaulschuh"

 

Charakteristisch für die Kleidung des Mittelalters waren die grotesken Schnabelschuhe oder Schuhe "à la poulaine", die sich in der Länge ihrer Spitze nach dem Rang und der gesellschaftlichen Stellung ihrer Besitzer richteten. In diesen Schuhen fanden sich die spitzen Formen der Gotik - Mitte des 13. bis ins 15. Jahrhundert - wieder. Der Schnabelschuh war auf dem gesamten europäischen Kontinent verbreitet und galt als Zeichen vornehmer Kleidung. Kein Wunder: Mit den dolchartigen Auswüchsen waren nur langsame und gesetzte Schritte möglich. Damit die "Schnäbel" besser standen, wurden sie mit Walfischbein gestützt und mit Heu ausgestopft.

Mitte des 15. Jahrhundert verschwand der Schnabelschuh allmählich von der Bildfläche, verdrängt von einer neuen modischen Absurdität, dem "Kuhmaulschuh". Dieser war nach vorne stumpf und breit auslaufend. Eine Variante dieses breitkappigen Renaissanceschuhs war der modische Hornschuh, dessen abgeflachte Front an den Seiten ausgestopft wurde.

 

Der Schuh gewann immer mehr an symbolischer Bedeutung, nicht zuletzt aber durch den pontifikalen Schuh. So trugen die Seidenschuhe des Papstes ein goldenes Kreuz und zu den Insignien der römischen Kaiser Deutscher Nationen gehörten Schuhe aus Goldstoff.

Bald darauf kam der Stiefel mit kurzem, weichem Schaft auf. Es war ein Vorrecht des Adels, diesen zu tragen; die Ritter schnallten ihre goldenen Sporen daran fest. Am Hofe Franz I. trugen auch die Damen Stiefel aus kostbar besticktem Leder. Katharina von Medici machte dieser unbequemen Mode ein Ende und unter Ludwig XIV., dem "Sonnenkönig", verschwand der bis dahin noch von den Herren bevorzugte Stiefel, ausgenommen bei Uniform- und Jagdkostümen. Für die Hofgesellschaft führte man statt dessen den seidenen Strumpf und den Knöchelschuh mit Bandschleife ein.

 

Französische Revolution - Der "Sabot" bricht mit alten Zeiten

 

In den Schuhen der "Madame Pompadour" war ein Gehen kaum möglich; man glitt nur trippelnd über das Parkett - ein Bild jener ganzen Zeit und ihrer Gesellschaft. Auch Marie Antoinette gelang es nicht, diese unsinnige Mode verschwinden zu lassen. Erst der plumpe Holzschuh der Französischen Revolution , der "Sabot", der krachend und vernichtend durch die Salons schritt, brach mit allem, was in der Schuhmode an die vergangene Zeit erinnerte. Von dem Namen des Schuhtyps wurde der Begriff "Sabotage" abgeleitet.

 

Eleganz lebt wieder auf

 

Nach dem Ende der Französischen Revolution war allmählich wieder Eleganz angesagt. Die flachen Schuhe der Damen waren dem Fuße kleidsam angepaßt, weit ausgeschnitten und mit weicher, schmiegsamer Sohle versehen. Um leicht und schön zu erscheinen, erforderte der Gang besondere weibliche Anmut.

1804 führte Napoleon die "Escarpins" als Tanzschuhe ein, die später von allen europäischen Fürstenhöfen übernommen wurden.

In der folgenden Zeit bis ins 20. Jahrhundert wechselten Form, Farbe und Materialien der Fußbekleidungen häufig. In unserem Jahrhundert ist der Schuh in erster Linie Accessoire, das das modische Gesamtbild abrundet.

 

"Gin-lien" - "Goldene Lilie-Schuhe" aus China

 

Das traurigste Kapitel in der Schuhgeschichte nehmen die "Gin-lien", die "Goldene Lilie-Schuhe" ein. Über tausend Jahre, bis 1911, wurden kleinen Mädchen zwischen 5 und 7 Jahren die Zehen mit nassen Leinenstreifen unter die Großzehe gebunden. Wenn die Leinenstreifen trockneten, wurden den Kindern die Zehen, soweit es nicht schon vorher passiert war, gebrochen. Sie mußten also ihr ganzes Leben lang humpeln. Diese Sitte findet ihren Ausdruck in den kostbar bestickten "Dingern", die kaum noch Schuhe zu nennen sind und doch Fußbekleidung waren.

 

Der Schuh im Märchen:

Aschenbrödel und der "Gestiefelte Kater"

 

In der Literatur stehen Schuh und Stiefel an erster Stelle in unseren Märchen. An den Schuhen erkennt der suchende Königssohn das reizende "Aschenbrödel" wieder und in "Schneewittchen" wird die böse Stiefmutter zur Strafe für ihre Bosheit in glühende Schuhe gesteckt. Unsterblich geworden ist auch der intelligente Kater des Marquis von Carabas, der heute im Volksmund als der "Gestiefelte Kater" fortlebt.

 

"Wo drückt der Schuh"?

 

Oft und gern wird der Schuh im deutschen Sprichwort erwähnt, dessen Ursprung bis ins Altertum zurückreicht. Von Hieronymus ist folgendes überliefert: Ein vornehmer Römer habe auf die Frage seiner Freunde, warum er sich von seiner schönen, keuschen und reichen Frau habe scheiden lassen, seinen Fuß vorgestreckt und gesagt: "Auch dieser Schuh, den ihr seht, scheint euch neu und zierlich, aber niemand außer mir weiß, wo er mich drückt....."

 

 

 

 

Auf Wegen und Straßen der Neuen und Alten Welt

 

ERNST-TILLMANN-SAMMLUNG  JETZT IM DEUTSCHEN SCHUHMUSEUM

 

Ernst Tillmann, Sammler und Restaurator: "Schuhe waren mein Leben"

 

Die europaweit bedeutendste  Kollektion jetzt im größten Schuhdorf Deutschlands

 

 

Die europaweit größte private Schuhsammlung befindet sich  ab dem 2. April 2004 im Deutschen Schuhmuseum Hauenstein. Ernst Tillmann (8o) aus Viersen übergab  sein bedeutendes Lebenswerk an diesem Tage dem Deutschen Schuhmuseum in der Pfalz, wo das Vermächtnis des weltweit bekannten Sammlers  für immer einen zentralen Platz finden wird. Insgesamt rund 1 8oo Paar Schuhe und seltene Einzelstücke aus zwei Jahrtausenden  und aus fünf Kontinenten umfasst das Sammlerwerk des gebürtigen Ostpreußen aus Schippenbeil. Den Ankauf der außerordentlich umfangreichen und wertvollen Sammlung ist durch die Kulturstiftung der Sparkasse Südwestpfalz und durch den Landkreis Südwestpfalz ermöglicht worden

 

Mit Schuhen hat Ernst Tillmann nicht nur sein ganzes Berufsleben lang zu tun gehabt. Schuhe aller Art sind auch seine Passion. Für seine einmalige Sammlung hat er sich in der ganzen Welt auf die Suche nach historischen und ausgefallenen Fußbekleidungen gemacht. Schuhe sind seine Leidenschaft, für sie "geht er meilenweit", auch heute noch..... Als gelernter Schuhkaufmann, Schuhmacher und vereidigter Schuhsachverständiger hat Ernst Tillmann schon immer mit Schuhen zu tun gehabt. Richtig angefangen hat dann alles - wie so oft bei Sammelleidenschaften - aber doch eher zufällig: Ein Paar Damenschnürstiefel waren es, die Ernst Tillmann, der aus einer ostpreußischen Schuhmacherfamilie stammt, vor rund fast einem halben Jahrhundert bei einem Bummel durch die Bremer Innenstadt ins Auge fielen. Sie waren der Beginn einer  professionellen Leidenschaft. Auf seinen vielen Reisen "fahndete" Ernst Tillmann seitdem nach seltenen Stücken, und auch seine Freizeit widmete er den ausgefallensten Fußbekleidungen. Bis nach Afrika und China - vom europäischen Ausland ganz abgesehen - hat ihn das Interesse für Schusters Rappen getrieben. Heute geben über 1 800 Paare und Einzelschuhe einen beispielhaften Überblick über die Entwicklung der Schuhmode und des Schuhs als Bekleidungsstück überhaupt.

Doch Ernst Tillmann begnügte sich nicht allein mit dem Zusammentragen historischer Schuhe. Er verwendet zudem viel Zeit und Mühe auf die sorgfältige Restaurierung seltener Stücke. Großen Wert legt der Sammler darauf, diese Reparaturen mit Originalmaterialien durchzuführen, "wobei es manches Mal gar nicht so einfach war, das entsprechende Stück Leder oder die originalen Schnürsenkel zu beschaffen", erläutert  Tillmann sein  ausgeprägtes Bestreben nach Authentizität und Echtheit  seiner Exponate. Doch auf seinen Reisen und nicht zuletzt auch durch seine vielfältigen Geschäftsbeziehungen fanden sich neben neuen Ausstellungsstücken auch immer wieder die nötigen Reparaturmaterialien.

Mittlerweile bietet Ernst Tillmanns Sammlung einen vielfältigen Querschnitt durch die "schuhliche" Entwicklung der Jahrhunderte: von der Römersandale über Steigbügelschuhe und amerikanische Cowboystiefel bis zu Charleston-Pumps und 70er-Jahre-Stiefeln mit Plateauabsatz, vom Luxusschuh über den deutschen "Notschuh" aus dem Zweiten Weltkrieg bis zu dessen modernem Gegenstück aus Brasilien, einem Mokassin mit Sohlen aus alten Autoreifen.

Dem Betrachter der Sammlung wird auch deutlich, dass gesundheitliche Aspekte in der Schuhmode erst in den vergangenen 50 bis 60 Jahren wirklich (wieder) berücksichtigt wurden: Denn - wie in so vieler Hinsicht - waren die Römer zu ihrer Zeit (und vor ihnen wiederum die Hetiter) schon sehr fortschrittlich "beschuht". Sie unterschieden ihre Schuhe schon nach rechts und links, zogen das Leder also über zwei verschiedene, "zweiballige" Formen, die sogenannten Leisten. Diese Errungenschaft des Schuhmacherhandwerks kam ausgerechnet während der Völkerwanderung unter die Räder, als viele römische Kulturtechniken in Vergessenheit gerieten. Und es dauerte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts,bis man wieder rechte und linke Schuhe herstellte.

Entscheidendster Fortschritt in den Jahrhunderten dazwischen war eigentlich nur die "Erfindung" des Absatzes und seine allmähliche Einführung seit dem 17. Jahrhundert. Wie Schuhe dennoch Geschichte machen können, zeigt die Französische Revolution: Die bis dato verbindlichen Standestrachten wurden abgeschafft, einfache Holzschuhe, französisch "sabots", fanden im Volk sofort weite Verbreitung. Ihre Träger machten in der Folgezeit  - kräftig mit ihren sabots trampelnd - derart von sich reden, daß man seitdem von Saboteuren und Sabotage sprach. Dass Schuhe manchmal "drücken", weiß der Volksmund. Dass sie aber auch zu einem regelrechten Marterinstrument werden können, wurde in China leider bewiesen. Erst 1911 wurde offiziell verboten, was chinesische Mädchenfüße künstlich klein halten und so "verschönern" sollte: Gin-Lien-Schuhe, in welche die Füße vier- bis siebenjähriger Mädchen, mittels nasser Lappen zusammengebunden, gepresst wurden.

 

Das Deutsche Schuhmuseum Hauenstein, das bereits kurz nach seiner Eröffnung im Jahre 1996 eine besondere Auszeichnung beim Europäischen Museumspreis erringen konnte, hat "mit  Dankbarkeit, aber auch mit einer gebührenden Verpflichtung das Vermächtnis unseres Freundes Ernst Tillmann übernommen", ist Museumsleiter und Bürgermeister Willi Schächter glücklich, dass die europaweit größte Sammlung im renommierten Deutschen Schuhmuseum im pfälzischen Hauenstein ihre endgültige Präsentation gefunden hat.

 

 

 

JETZT IM DEUTSCHEN SCHUHMUSEUM:

 

EUROPAWEIT GRÖSSTE SCHUHSAMMLUNG IN DER PFALZ

 

AUF WEGEN UND STRASSEN VON DER ALTEN IN DIE NEUE WELT

 

1 800 PAAR HISTORISCHE SCHUHE AUS ZWEI JAHRTAUSENDEN UND FÜNF KONTINENTEN

 

 

Ernst Tillmann: "Alle meine Schuhe erzählen eine eigene Geschichte"

 

 

1 800 Paar historische Schuhe und Einzelstücke aus  zwei Jahrtausenden und allen Kontinenten, ein mehr als erstaunliches Lebenswerk eines passionierten Sammlers, dem nach eigenen Angaben schon Schuhe in die Wiege gelegt wurden. Ernst Tillmann, der weltweit bekannte "Schuhpapst" aus Viersen, trennte sich jetzt von seinen eigentlich unbezahlbaren Schätzen. Der vitale 80jährige übergibt seine Sammlung dem Deutschen Schuhmuseum Hauenstein, " wo gute  und kompetente" Freunde mein Vermächtnis bestens verwalten werden".

 

 

Beim Sammler aus dem niederrheinischen Viersen liegen die Wurzeln seiner Leidenschaft in seiner Kindheit im ostpreußischen Schippenbeil. Dort hatte sein Großvater 1880 ein Schuhgeschäft gegründet, das der Vater weiterführte. "Mir wurden die Schuhe sozusagen in die Wiege gelegt", sagt Ernst Tillmann. Schon der junge Ernst half im Laden aus,  jedoch anfänglich nur mit Einschränkung: "Am Anfang durfte ich den Kunden nur Hausschuhe anbieten". Es lag nahe, dass der Berufsweg in die Schuhbranche führte. Nach der Mittleren Reife begann Ernst Tillmann eine Lehre als Schuhkaufmann im größten Schuhgeschäft im westpreußischen Elbing. Dann kamen Militär, Krieg und Gefangenschaft. In Westdeutschland ging die "Schuhkarriere" weiter: nach einer zusätzlichen Ausbildung zum Schuhmacher zunächst als Geschäftsführer in einem Duisburger Schuhgeschäft, dann als Handelsvertreter namhafter Hersteller in der gesamten Bundesrepublik. 1968 wurde der Schuhliebhaber öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger. Noch immer sind seine Kenntnisse und sein Sachverstand gesucht. "Mein ganzes Leben hat sich immer in irgendeiner Form um Schuhe gedreht", zieht  der junge Achtziger Bilanz und liefert mit einem erstaunlichen Gedächtnis zu jedem Stück, das er spontan aus den Regalen greift, neben Zuordnung auch insbesondere die Beschaffenheit und Herkunft er einzelnen Exponate. Diese vergnügliche und spannende Wanderung durch die Historie der Fußbekleidung hört sich dann zum Beispiel so an: "Das hier sind Herrenschuhe aus den 30 er-Jahren. Da....ging der Mann vor dem Krieg ins Büro, es war praktisch sein Sommerschuh. Für Frauen gab es das ebenfalls. Beachten Sie die verschiedenen Sohlen-Verarbeitungsarten, dieser Schuh ist holzgenagelt." --. "Vor dem Krieg war Südamerika vor allem Lieferant von Trocken- und Salzhäuten. Es  entstanden dort Schuhbirken und man warb Fachleute an, nach deren Wünsche das Leder gegerbt und das Stärken bzw. die Abspaltungen berücksichtigt wurde. Sie sehen ja, was heute für ......Schuhe daraus entstehen". Glanzpunkte in der Sammlung setzt jedoch edles Schuhwerk von königlichen Hoflieferanten. Ein elegantes Agraffenstiefelpaar einen k.u.k. Holzschuhmachers aus Wien (1910), in Goldbrokat und Schmuckfäden umsäumt, standesgemäß auf dem Innenetikett mit der Habsburg - Fahne signiert. Agraffen ...die Metallhäkchen zum Schnüren der Stiefel. "Ob am Schuhschaft hängen ....Fäden, das hat mir....gerechnet ein vereidigter Sachverständiger für Fäden erklärt, der auch Tillmann hieß,. erzählt uns der Sammler schmunzelnd. Auch ein belgischer Hofschuhmachermeister signierte seine Paare mit einem  königlichen Etikett. Der Berliner Meister Breitsprecher erhielt insgesamt 18 Goldmedaillen und druckte das stolz auf den Innenseiten seiner Schuhe ab. Die Schuhe sind immer gespannt, er fertigte für alle Exemplare die passenden Leisten. "Diese hier sind von 1926", erläutert uns Ernst Tillmann an einem Paar. Man sieht sofort, dass nicht jedermann solche Exemplare erwerben konnte. "Ich habe sie von einer Dame aus Krefeld erhalten, deren Eltern in Thüringen eine Fabrik für Schuhmaschinen betrieben. Sie selbst  ließen sich in Berlin vom königlichen Schuhmachermeister ihre Schuhe machen." In krassem Gegensatz dazu stehen Arbeitsschuhe die aus Nordvietnam geliefert wurden und lediglich 5,95 Mark kosteten. "Schauen Sie ...wie viel Leder daran verarbeitet wurde und wie schwer ...", wiegt der Sammler das klobige Paar in der Hand. Aber diese Schuhe ließen sich in der BRD nicht verkaufen.

Für Ernst Tillmann sind Schuhe viel mehr als eine notwendige Bekleidung der Füße. "Jedes meiner Exemplare hat seine eigene Geschichte zu erzählen". Und das ist bei inzwischen über 1800 Paaren und Einzelstücken eine ganze Menge. Die Schuhe aus Europas größter Privatsammlung sind exzellente Zeitzeugen und oft, meint der Sammler, "braucht man nur den Schuh zu betrachten, um zu erfahren, was für ein Mensch darin gelaufen ist. Der Schuh ist eine ganz persönliche Visitenkarte und zugleich  eine ,Fußnote' der Geschichte". Im Haus von Ernst Tillmann waren fast alle Räume jahrzehntelang"Museumsbereich". Hier roch es nach Leder, Fetten und getragenen Schuhen. Für den Sammler, der das von Kindheit an gewohnt ist, bedeutet dieser Geruch etwas ganz Normales.

Die Sammlung enthält jedoch nicht nur getragene Schuhe. ""Ich konnte auch einige noch nicht getragene, ladenneue Schuhe in meine Sammlung integrieren. Sobald die Schuhe restauriert und katalogisiert waren, brachte ich sie in die Dachgeschosswohnung. Um dort die Lichteinwirkung zu dämpfen, legte ich sie ins Halbdunkel". Und vor allem achtet Ernst Tillmann auf eine beständige Luftfeuchtigkeit zwischen 60 und 80 Prozent. Sinkt die Luftfeuchtigkeit darunter, wird das Leder hart und brüchig, steigt sie darüber, ist die Gefahr des Schimmelns groß. "Die Zimmertemperatur spielt nur im Zusammenhang mit der Luftfeuchtigkeit eine Rolle, während die Luftfeuchtigkeit für die Haltbarkeit der Schuhe äußerst wichtig ist. Eine regelmäßige Lüftung ist ebenfalls notwendig, am besten bei feuchtem Wetter", erklärt der Sammler.

Auch nach dem Auszug der Kostbarkeiten ins pfälzische Hauenstein künden Treppenhaus und Türen  mit Plakaten und Faltblättern vom umfangreichen Ausstellungsgeschehen rund um die Sammlung. "Auf Schritt und Tritt" oder "Pumps & Co" lauten eingängige Titel. Auch spezielle Themen können aus der Sammlung locker bestückt werden. 1993 hat Ernst Tillmann in Moers eine Ausstellung über Sportschuhe gemacht. Und er besitzt auch die Tennisschuhe der jüngeren Generation oder einen Herren-Sportschuh der Größe 14 (50) von Reebock, neben dem ein gewöhnliches Exemplar wie ein Kinderschuh wirkt.

Apropos Kinderschuhe. Leider folgte man hier den Vorgaben der Schuhmode für Erwachsene, das bedeutete meist viel zu schmale Kinderschuhe. Auch die das Fußwachstum begünstigende Unterscheidung von linkem und rechtem Schuh erfolgte sehr spät. Erst in den letzten 70 bis 80 Jahren haben sie sich so an die heutige Schuhform angenähert,  so dass sie den Füßen der Kleinen genügend Luft und Raum für Wachstum und Bewegung lassen. Die Exemplare aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert lassen den heutigen Betrachter manchmal erschrecken. In welch beengende, schmale Futterale zwängte man die Fußchen, kaum dass ein Kind zu laufen begonnen hatte!

Ja wenn ein  weltweit anerkannter Sammler und Schuhspezialist, der zugleich ein Schuhphilosoph ist aus dem Näh-, pardon Schuhkästchen erzählt............Die Schuhe von Ernst Tillmann erzählen ihrerseits  von nun an ihre  ganz eigene Geschichte in  einer ansprechenden Inszenierung im Deutschen Schuhmuseum. In Hauenstein nämlich, wo die meisten Menschen mehr als 100 Jahre lang  genau wie der große Meistersammler Tillmann  auch "mit Schuhen" auf die Welt gekommen sind, gab es in der Blütezeit der Schuhe rund 35 Schuhfabriken, und auch heute noch bleibt Hauenstein in anderen Formen bei ,seinem Leisten' und ist mit seinem bedeutenden Museum und der Gläsernen Schuhfabrik" nach wie vor Deutschlands größtes Schuhdorf, wo man von April bis Oktober sogar Sonntags in zahlreichen Geschäften, teilweise direkt von der Fabrik und vom Lager preiswert einkaufen kann.

 

 

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